Die 5 größten Irrtümer zum Thema „Gewaltfreie Hundeerziehung“ – Teil 1

Irrtümer über gewaltfreie Hundeerziehung
Befürworter der gewaltfreien Hundeerziehung tanzen den ganzen Tag über Blumenwiesen!

Ich bin zwar noch gar nicht so lange aktiv in der Hundeszene unterwegs, trotzdem habe ich – insbesondere in den Sozialen Netzwerken – schon so manche Diskussion oder eher Tirade miterlebt, warum eine gewaltfreie Hundeerziehung nicht möglich sei. Schlimmer noch: Die Verbreitung einer solch verklärten Weltansicht habe verheerenden Auswirkungen auf die komplette menschliche Gesellschaft in ihrer Einstellung zu Hunden! Schließlich sei es total fahrlässig anzunehmen, jeder Hund sei von Grund auf freundlich und eigentlich gäbe es auch keine Kampfhunde, sondern nur „Kampfschmuser“. Wer so etwas behauptet, sollte sich besser nie einen Hund anschaffen.

Vieles wiederholt sich und irgendwie begegnet man immer wieder denselben Argumenten. Höchste Zeit also, sich mit diesen einmal ganz in Ruhe auseinanderzusetzen.

Aber weil ich mich ja so schlecht kurz fassen kann, hatte Frau S. die großartige Idee, daraus eine Beitragsserie zu machen! Heute also Teil 1 von Frau K.’s ganz persönlicher

Top 5 der hartnäckigsten Behauptungen, warum eine gewaltfreie Hundeerziehung NICHT funktionieren kann!
Behauptung Nr. 1: Gewaltfrei zu erziehen bedeutet, dem Hund gar keine Regeln zu setzen

Meiner persönlichen Erfahrung nach handelt es sich hierbei um das Hauptargument der Liga rund um die „harte Hand“! Wer nicht Willens (oder fähig) ist, seinem Hund von Zeit zu Zeit aufzuzeigen, wo der Frosch die Locken hat, der vertritt automatisch auch die Ansicht, dass man unerwünschtes Verhalten einfach ignorieren sollte!

Ehrlich gesagt ist es mir schleierhaft, woher diese Schlussfolgerung stammt. Ich könnte mir aber vorstellen, dass es zu Anfang der nonaversiven Bewegung in Hundetrainerkreisen den Ansatz gab, man solle unerwünschtes Verhalten lieber ignorieren anstatt es zu bestrafen. Auch ich kann mich daran erinnern, einen solchen Ratschlag einmal gehört zu haben.

In der Realität ist die Umsetzung dieser Methode aber durchaus „unpraktikabel“ und – da muss ich den Freunden von Koralle & Co. ausnahmsweise mal Recht geben – fast schon „gefährlich“. Es kommt halt immer auf das Ausmaß oder die „Schwere“ des Fehlverhaltens an.

Ein Beispiel: Ich möchte meinen Terrier davon abbringen, jeden Fußgänger, der an unserem Gartentor vorbeiläuft, rigoros und langwierig auszubellen.

Nehmen wir mal an, er schafft es schon ganz gut, lässt aber ab und an trotzdem noch den einen oder anderen Ton hören. Ich könnte ihn dafür bestrafen, indem ich bei jedem noch so kleinen Mucks an der Leine rucke und ein Zischen oder „Nein!“ als Signal hören lasse (was ich, mal ganz nebenbei bemerkt, als Form der Zurechtweisung absolut ablehne!). Oder aber ich überhöre diesen kleinen Ausrutscher, ignoriere also das Fehlverhalten, und konzentriere mich darauf, meinen Hund bei der nächsten gewünschten Reaktion zu loben und ihn dadurch fürs Ruhig-Bleiben zu bestärken. In diesem Fall kann das Ignorieren des unerwünschten Verhaltens also durchaus Sinn machen, weil ich dadurch sozusagen Gnade vor Recht walten lasse. Weil ich sehe, dass er sich alle Mühe gibt und er mir trotz dieses Ausrutschers in alte Verhaltensmuster genügend andere erwünschte Reaktionen zeigt, die ich belohnen kann.

Aber: Es gibt natürlich Situationen – insbesondere im Umgang mit aggressivem Verhalten bei Hunden – da KANN und SOLLTE man das Gebaren seines Hundes nicht ignorieren!

Hast du schon einmal versucht, einen über 50 kg schweren Hund, der pöbelnd am anderen Ende der Leine hängt, zu ignorieren? Viel Glück! Ebensowenig solltest du einen Hund ignorieren, der gerade zum Spurt durch den Garten ansetzt, um den Postboten zu fressen! Natürlich will er ihn nicht wirklich fressen, wahrscheinlich nicht einmal ernsthaft verletzen, aber es sollte klar werden, was ich meine. Du sagst dem vorbeilaufenden Jogger, dem dein Border Collie gerade buchstäblich an den Hacken hängt, ja auch nicht, er solle den Hund einfach ignorieren, dann hört der gleich schon von selbst auf. Hier ist ein klares „Nein“, „Aus“, „Lass es!“ als Signal für den Hund natürlich sinnvoll. Das bedeutet ja nicht, dass ich meinen Hund direkt am Nackenfell packen und zu Boden drücken muss! Ein „Nein“ kann auch klar und deutlich sein, wenn es nicht gebrüllt wird. Hunde verfügen über ein sehr gutes Gehör, man braucht sich also keine Sorgen zu machen, dass einen der eigene Hund nicht hören könnte… Aber das nur am Rande.

Nur weil ich mich deutlich gegen jede Form von Gewalt in Form von aversiven Methoden in der Hundeerziehung ausspreche, heißt das nicht, dass mein Hund das Wort „Nein“ nicht kennt. Sollte mein Hund etwas anstellen, dass ich nicht gutheißen kann, hat das durchaus Konsequenzen für ihn. Deswegen muss ich aber noch lange nicht aus der Hose hüpfen, an meinen Hund rumzerren oder mich sonstwie in falsch verstandener Dominanz üben.

Wenn ich meinen Fokus auf die positive Verstärkung von erwünschtem Verhalten lege und dann mal einen strengen Blick aufsetze, merkt mein Hund das sofort. Klare Körpersprache, eine deutliche Mimik und die Veränderung der Stimmlage, teilen dem Hund deutlich genug mit, dass sein Benehmen gerade auf wenig Begeisterung stößt. Dafür muss ich nicht den sprichwörtlichen Zaunpfahl auspacken. Ganz im Gegenteil: Je leiser ich in meiner Kommunikation mit meinem Hund bin, umso mehr Aufmerksamkeit werde ich von ihm erhalten. Probiert es einfach mal aus! Womöglich werdet ihr euch wundern, wie sehr euer Hund auf einmal an euren Lippen hängt.

Um auf den eigentlich Punkt zurückzukommen: Abseits der positiven Verstärkung können selbstverständlich auch die anderen Konsequenzen der operanten Konditionierung, wie z.B. die positive Strafe, in der Hundeerziehung durchaus sinnvoll eingesetzt werden. Wer sich mit diesem Thema näher beschäftigen möchte, dem empfehle ich den Artikel von Easy DogsTrainingsmethoden – Wer die Wahl hat, hat die Quahl“.

Zusammengefasst kann man also sagen: „gewaltfrei“ bedeutet ganz bestimmt nicht „regelfrei“! Feste Regeln und Strukturen sind das A und O in der Hundeerziehung. Ohne sie geht gar nichts. Weder mit noch ohne den Einsatz von aversiven Trainingsmethoden.

Dasselbe gilt für Konsequenz: Nur wenn ich in meinen Handlungen konsequent bin und mich damit für meinen Hund nachvollziehbar und verlässlich verhalte, wird mein Hund mich als seinen „Rudelführer“ (oh je, schon wieder so ein negativ geprägtes, häufig völlig missverstandenes Wort!) akzeptieren und mir bereitwillig folgen.

Wenn ich das Verhalten meines Hundes dagegen ignoriere, ihm also keinerlei Rückmeldung zukommen lasse, bleibt meinem Hund gar nichts anderes übrig, als nach eigenem Ermessen zu handeln. Es sagt ihm ja keiner, wie er sich verhalten soll, geschweige denn, was von ihm erwartet wird. Dass sich mein Hund in so einer Situation für den unbeliebteren Lösungsansatz entscheidet, kann schnell passieren. Aber wessen Schuld ist das dann? Die meines Hundes? Oder nicht vielmehr meine eigene, weil ich meinem Job als verantwortungsvoller Hunde-Halter* nicht nachgekommen bin?

Vor diesem Hintergrund ist es also durchaus verständlich, warum das Ignorieren von unerwünschtem Verhalten als bedenkliche, wenn nicht sogar gefährliche Methode in der Hundeerziehung verstanden wird. Ein guter Hunde-Halter zu sein, bedeutet STÄNDIG ein guter Hunde-Halter zu sein. Das ist ein echter Fulltime-Job! Den Hund sich selbst zu überlassen, ist in den seltensten Fällen eine gute Idee. Und wenn, dann nur mit einer klaren, vom Hund verstandenen Aufgabenstellung.

Noch nicht genug gelesen? Hier geht es weiter zu Teil 2!

* Anmerkung der Redaktion:
Wir mögen die Bezeichnung „Rudelführer“ leider überhaupt nicht. Mit diesem Begriff ist einfach schon so viel Blödsinn angestellt worden, dass er für uns absolut negativ belegt ist. Wir bevorzugen die Bezeichnung „Hunde-Halter“. Weil dieses Wort einen für uns ganz wesentlichen Teil unserer Beziehung zu unserem Hund bereits im Namen trägt: den „Halt“. Unsere Hauptaufgabe als Mensch sollte es nämlich sein, unserem Vierbeiner den benötigten Halt zu geben.

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