Die 5 größten Irrtümer zum Thema „Gewaltfreie Hundeerziehung“ – Teil 3

Der großartige Hund
Ja, du bist ein armer Hund, dem man einen Großteil seiner natürlichen Lernerfahrung aggressiv(!) vorenthält!

Ja, man liest so manchen Blödsinn, warum eine gewaltfreie Hundeerziehung nur etwas für gehirnamputierte Möchte-gern-Tierschützer und verweichlichte Uschi-Muttis sei.

In unserem Teil 3 der 5 größten Irrtümer zum Thema „Gewaltfreie Hundeerziehung“ geht es heute um folgende Behauptung:

Behauptung Nr. 3: Man darf Hunden die Erfahrung der Aversion nicht vorenthalten

Mir ist vor einiger Zeit mal ein Text nahegelegt worden, in dem darauf hingewiesen wurde, dass es doch mehr als schädlich und letztendlich unfair sei, dem Hund das Erleben der Aversion vorzuenthalten. Schließlich wäre dies eine durchaus nützliche Erkenntnis, die einem Hund helfe, sich in seiner Umwelt zurechtzufinden. Hierzu wurden verschiedene Beispiele angebracht.

Beispiel 1: Der Wespenstich

Hunde, die von einer Wespe gestochen werden, entwickeln aufgrund der schmerzhaften Erfahrung eine Aversion und werden in Zukunft jede weitere Auseinandersetzung mit diesem Tier meiden. Im Idealfall haben sie die Wespe gesehen und verknüpfen deren Farben (die ja ganz bewusst als Warnfarben in der Natur eingesetzt werden) mit dieser Erlebnis.

Beispiel 2: Die heiße Herdplatte

Auch wir Menschen machen womöglich die ein oder andere aversive Erfahrung. Zum Beispiel, indem wir auf eine heiße Herdplatte fassen. Der daraus resultierende Schmerz wird uns lange im Gedächtnis bleiben und uns nachhaltig davor warnen, diese Unachtsamkeit zu wiederholen.

Beispiel 3: verdorbene Lebensmittel

Wir empfinden den Geruch und Geschmack von verdorbenen Lebensmitteln nicht umsonst als ekelig. Diese Aversion schützt uns davor, uns furchtbar den Magen zu verderben oder uns eine schlimme Lebensmittelvergiftung zuzuziehen. Auch hier ist die Existenz der Aversion also durchaus sinnvoll und nützlich.

Ist das Arbeiten mit aversiven Reizen in der Hundeerziehung nützlich?

Ist es also wahr, dass man auch bei der Erziehung eines Hundes mit aversiven Reizen arbeiten sollte, um ihm klarzumachen, dass er bestimmte Grenzen nicht überschreiten darf? Zum Beispiel das Beißen eines Menschen? Wäre es nicht fairer, es ihm einmal in aller Deutlichkeit und Härte klarzumachen, um ihn nachhaltig von solchen Vorhaben abzubringen? Ihm zu vermitteln, dass er sich mit einem solchen Verhalten letztendlich selbst schadet? Ähnlich wie beim Wespenstich oder dem Abstützen auf der heißen Herdplatte?

Die Antwort ist ganz klar: NEIN!

Aversionen erzeugen Meideverhalten

Aversionen sind nichts grundsätzlich Böses und haben durchaus ihre Funktion in der Lernerfahrung von Menschen und Caniden. Aber keine Angst: Selbst wenn ihr euren Hund absolut nonaversiv erzieht, wird es euch nicht gelingen, sämtliche aversive Erfahrungen aus seinem Leben fernzuhalten. Sei es nun die Begegnung mit der bereits viel zitierten Wespe, eine Auseinandersetzung mit einem anderen Hund, der versehentliche Kontakt mit einem Elektrozaun, die Zurechtweisung durch die Nachbarskatze, etc. Es wird genügend Situationen im Leben deines Hundes geben, in denen er mit aversiven Reizen in Berührung kommen wird. Und das ist auch gut und wichtig für ihn. Schließlich besteht das Leben nicht nur aus Friede, Freude, Eierkuchen. Für keinen von uns.

Aber man sollte sich darüber im Klaren sein, was Aversionen in uns und unseren Hunden auslösen. Sie bringen uns dazu, bestimmte Situationen, Gegenstände oder Lebewesen zu meiden. Sie erzeugen also ein Meideverhalten. Wenn nun eine Wespe auf uns zufliegt, sind wir nicht etwa entspannt, nein, wir haben Angst und hoffen, dass sie uns nicht sticht. Ebenso meiden wir ab sofort die heiße Herdplatte oder die verdorbenen Lebensmittel. Genauso ist es bei unseren Hunden. Aversionen dienen dazu, ein Meideverhalten zu erzeugen. Der Hund meidet die Wespe, den Elektrozaun und die Nachbarskatze.

Möchtest du einen entspannten Hund haben oder einen, der nur aus Angst die Klappe hält?

Aber ist es wirklich in deinem Interesse, dass er auch Menschen meidet? Weil er sie mit etwas Negativem verknüpft? Weil Begegnungen mit Ihnen oft mit Schmerz und Zurechtweisungen verbunden sind? Und möchtest du für deinen Hund jemand sein, den er mit unangenehmen Situationen verbindet?

Wenn wir das Ganze nun wieder zurück in unsere Menschenwelt verlagern, wie würdest du einem Kind beibringen, dass es NICHT auf die heiße Herdplatte fassen soll? Würdest du darauf aufpassen, dass es nicht in der Nähe der Herdplatte rumhantiert und es schon gar nicht unbeaufsichtigt in der Küche lassen? Oder würdest du – um die ganze Geschichte abzukürzen – seine Hand nehmen und auf die heiße Herdplatte drücken? „Da, heiß, haste gemerkt? Mach das nie! Das tut weh!“

Dir und deinem Kind bliebe durch diese direkte Methode viel „Rumgeeiere“ um den sprichwörtlichen heißen Brei erspart. Wozu lange Erklärungen schwingen, wenn man das ganze Prozedere durch eine schmerzvolle aber unmissverständliche Aktion ein für alle Mal klären kann? Ist das fair?

Aversive Methoden bringen vermeintlich schnelle Trainingserfolge

Viele Hundehalter und leider auch -trainer arbeitern nach wie vor mit aversiven Methoden, weil diese die schnellsten Ergebnisse bringen. Der Hund darf auf keinen Fall Menschen angehen, also wird jede Regung, die in diese Richtung geht, konsequent und rigoros unterbunden. Der Hund lernt schnell, dass er ein solches Verhalten tunlichst nicht mehr zeigen sollte, wenn ihm seine eigene Unversehrtheit am Herzen liegt. Also, alles richtig gemacht, oder?

Mitnichten! Denn, was lernt mein Hund in dieser Situation? Dass er sich auf dich verlassen kann? Nein! Er lernt: Menschen sind gefährlich. Und zwar nicht nur fremde Menschen, sondern auch mein eigener Mensch! Der hat nämlich nichts besseres zu tun, als mich für mein gezeigtes Verhalten zu bestrafen. Selbst wenn das aus hündischer Sicht nicht mal falsch war.

Er wird sich also zukünftig nicht etwa entspannen, wenn ihr anderen Menschen begegnet. Er wird nicht lernen, dass von diesen Fremden keine Gefahr ausgeht, solange du dabei bist und die Situation regelst. Er wird dem Ganzen immer skeptisch begegnen, stets auf der Hut, einen abzukriegen, falls er sich in deinen Augen unangebracht verhält. Letztendlich traut er also weder der potentiellen Gefahr, noch dir.

Die Anwendung aversiver Trainingsmethoden zerstört das Vertrauensverhältnis zwischen Hund und Mensch

Warum eine solche Vorgehensweise extrem schädlich für die Vertrauensbasis zwischen Mensch und Hund ist, kannst du in dem Beitrag „Warum aversive Methoden in der Hundeerziehung so schädlich sind“ nachlesen. Hunde, denen auf diese Art und Weise ein bestimmtes Verhalten abtrainiert werden soll, wenden sich im schlimmsten Fall in ihrer Not und all dem angestauten Stress igendwann gegen den Halter selber. Ich sage bewusst „im schlimmsten Fall“, denn nicht jeder Hund wird zwangsläufig irgendwann eskalieren. Viele stumpfen mit der Zeit auch einach ab. Lernen, alles über sich ergehen zu lassen, um möglichst unbeschadet aus der Situation zu kommen. Je älter ein Hund wird, umso mehr weiß er um die Unzulänglichkeiten seines Menschen und akzeptiert diese. Nur weil sich ein Hund nicht wehrt, rechtfertigt das aber noch lange nicht die Methode!

Dr. Ian Dunbar, ein renommierter Verhaltensforscher, Hundetrainer und Autor hat einmal gesagt:

„Um Schreckreize als effektive Trainingsmaßnahme einzusetzen, braucht man drei Fähigkeiten: Ein tiefes Verständnis des Hundeverhaltens, ein tiefes Verständnis der Lerntheorie und unfehlbares Timing. Und wenn man alle drei Fähigkeiten hat, benötigt man kein Schreckreize.“

Dr. Ian Dunbar

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