Die 5 größten Irrtümer zum Thema „Gewaltfreie Hundeerziehung“ – Teil 2

Nachdem in Teil 1 dieser Beitragsserie ja bereits auf die Aussage eingegangen worden ist, Gewaltfrei zu erziehen bedeute, dem Hund gar keine Regeln zu setzen, geht es heute mit folgender Behauptung weiter:

Behauptung Nr. 2: Mit positiver Verstärkung kommt man bei manchen Hunden nicht weit, weil die schlichtweg Bock auf Konfrontation haben!
Hund schaut Menschen an
Na, suchst du Streit?

Ich muss sagen, auch diese Argumentation habe ich schon sehr oft gehört. In solchen Diskussionen geht es zwar nicht unbedingt um den „Hund von nebenan“, sondern durchaus auch mal um Exemplare, die bereits den ein oder anderen Beißvorfall im Lebenslauf vorweisen können.

Ja, die gibt es. Hunde, die in vermeintlich harmlosen Situationen komplett ausrasten. Das dadurch der Eindruck entsteht, ein solcher Hund habe tatsächlich „Bock auf Konfrontation“ und sucht diese geradezu, ist unter Umständen sogar nachvollziehbar. Und trotzdem: KEIN Hund stürzt sich auf einen Menschen oder einen anderen Hund, weil er „da Bock drauf“ hat.

Hunde werden wie wir auch als hochgradig soziale Lebewesen geboren. Als solche sind sie auf ein Leben in familienähnlichen Verbänden programmiert. In diesen Verbänden müssen sie lernen, mit Konflikten umzugehen und Ressourcen zu teilen. Im Gegenzug können sie sich dem Schutz der Gemeinschaft und deren Unterstützung bei der Befriedigung der eigenen Bedürfnisse sicher sein.

Kein Hund hat „Bock auf Konfrontation“!

Anstatt also einen Hund für sein Verhalten zu verurteilen, sollte man sich selber einmal folgende Frage stellen: Wann hattest du das letzte Mal „Bock auf Konfrontation“? Wann war dir mal danach, loszuziehen und mit dem Nächstbesten, der dir begegnet, Streit anzufangen? Im Idealfall beantwortest du diese Frage mit „Noch nie!“. Solltest du aber, zumindest gedanklich, einmal so weit gewesen sein, ein solch asoziales Verhalten an den Tag zu legen, möchte ich behaupten, dass das in einer Situation geschehen ist, in der es dir NICHT gut ging. Menschen, die mit einem derartigen Vorhaben vor die Tür treten, sind wütend, traurig, frustriert, fühlen sich missverstanden, ungerecht behandelt, waren selber Gewalt ausgesetzt oder leiden unter chronischen Schmerzen. Jemand, der glücklich, schmerzfrei und ausgelastet ist, hat überhaupt keine Motivation, sein Gegenüber grundlos und völlig unvermittelt anzugreifen. Weil auch der Mensch ein soziales Lebewesen ist.

Warum also sollte ein Hund, dessen Sozialverhalten nachgewiesenermaßen dem des Menschen in vielen Punkten sehr ähnlich ist, sich nicht auch in diesem Punkt ganz ähnlich verhalten? Ist es wirklich so unvorstellbar, dass es einen plausiblen Grund dafür gibt, warum sich ein Hund so verhält wie er sich verhält? Also außer, dass er darauf „Bock hat“?

Hunde streben wie wir nach Anerkennung, Sicherheit und der Zugehörigkeit an eine soziale Gemeinschaft. Statt also aktiv einen Konflikt zu suchen, steht vielmehr die Konfliktvermeidung als Mittel zur Selbsterhaltung ganz oben auf ihrer Liste. Es sei denn, sie haben nachvollziehbare Gründe, einen Konflikt einzugehen: weil sie sich bedroht fühlen, weil ihnen eine Ressource streitig gemacht wird, weil sie jemand bedrängt und nicht auf vorangegangene körpersprachliche Signale reagiert, weil sie sich nicht wohl fühlen und deswegen dünnhäutiger sind, etc., etc.

In keinem dieser Fälle hat der Hund also Spaß daran, sich übermäßig aggressiv zu verhalten. Es ist ihm gerade einfach nicht möglich, gelassen auf bestimmte Reize zu reagieren.

Wie sollte also deiner Meinung nach mit einem solchen Individuum umgegangen werden? Mit (noch mehr) Druck, Gewalt und Schmerz? Oder mit Achtsamkeit, Empathie und wahrem Interesse an der Lösung seiner Probleme?

Ich bin gespannt auf deine Meinung zu diesem Thema. Schreib sie mir gerne als Kommentar unter diesen Beitrag.

Du möchtest die komplette Beitragsserie von Anfang an lesen? Hier geht’s zu Teil 1! Zum Teil 3 geht es hier entlang!

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2 Antworten

  1. Avatar Petra Heß sagt:

    Wow, das ist richtig toll erklärt- und ohne jeglichen erhobenen Zeigefinger! Danke!

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