Die 5 größten Irrtümer zum Thema „Gewaltfreie Hundeerziehung“ – Teil 4

Ja, so als nonaversiv arbeitender Hundehalter verhält man sich der Gesellschaft gegenüber schon echt verantwortungslos. Könnte man meinen, wenn man der folgenden Behauptung Glauben schenkt:

Behauptung Nr. 4: Menschen, die gewaltfrei arbeiten, stellen den Tierschutz über den Menschenschutz

Schließlich würde man ja eher zulassen, dass ein Hund Menschen verletzt, als dass man selber Hand an ihn legt. Frei nach dem Motto: Das arme Tier kann ja nichts dafür! Oder: Der will nur spielen!

Es gibt sie mit Sicherheit. Die Sorte Hundehalter, die ihren Hund fatal falsch einschätzen. Aber das hat grundsätzlich nichts mit der angewandten Trainingsmethode zu tun. Solche Hundehalter zeichnen sich nach meiner Erfahrung eher dadurch aus, dass sie ÜBERHAUPT NICHT mit ihren Hunden trainieren! Vielleicht aus falsch verstandenem Tierschutz heraus?! Nach dem Motto man möchte dem Hund ja nichts aufzwingen, dass er nicht von selbst tun möchte. Oftmals vielleicht aber auch aus purer Naivität („Was soll schon passieren?“).

Oh, es kann jede Menge passieren.

Selbst der gutmütigste Hund kann mal die Nerven verlieren. Könnte jemandem (versehentlich) vors Fahrrad oder Auto laufen, könnte Menschen erschrecken, anspringen oder sie auf andere Art belästigen. Es gibt also keine Rechtfertigung dafür, einen Hund unbeaufsichtigt in der Öffentlichkeit laufen zu lassen. Aussagen wie „Der tut nix!“ oder „Der will nur spielen!“ sind nicht umsonst auf Merchandise-Produkten diverser Comedy-Programme gelandet. Weil sie ein Klischee erfüllen. Das Klischee des immer unbesorgten, unbedachten und unreflektierten Hundehalters.

Aber was ist, wenn tatsächlich etwas Schlimmes passiert? Also etwas richtig Schlimmes, wie ein bewusster Angriff eines Hundes auf einen Menschen?

Früher war es häufig so, dass der betroffene Hund zur Gewährleistung der allgemeinen Sicherheit umgehend eingeschläfert wurde. Heutzutage werden Petitionen gestartet, die genau diese Vorgehensweise zu verhindern suchen. Man denke nur an den armen Chico, der im April letzten Jahres seine Besitzerin und deren Sohn in der eigenen Wohnung getötet hatte. Dass er letzten Endes doch eingeschläfert worden ist, hatte mehr mit seinem katastrophalen gesundheitlichen Zustand zu tun, als mit der Durchsetzung von Prinzipien. Verständlich, dass bei einigen dadurch der Eindruck geweckt wird, diesen Tierschützern gehe der Schutz des Hundes über das Leid der geschädigten Menschen. Dass das Eine mit dem Anderen nichts zu tun hat, fällt in solchen Diskussionen leider oft hinten rüber. Schließlich muss ja einer Schuld sein, dass zwei Menschen tot sind.

Es bleibt ein Drama. Aussagen wie „Die (Opfer) waren selber schuld, dass denen das passiert ist!“ mögen zwar in Teilen wahr sein, sind aber wenig pietätvoll. Genauso gut können bei Übergriffen auf Menschen auch völlig unbeteiligte Personen in Mitleidenschaft gezogen werden. Was soll man denen dann vorwerfen? Zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort gewesen zu sein? Völlig gedankenlos einfach durch den öffentlichen Raum gejoggt oder mit dem Fahrrad unterwegs gewesen zu sein? Wissen die denn nicht, dass schnelle Bewegungen beim Hund einen Jagdtrieb auslösen können?!?

Es bleibt NATÜRLICH Aufgabe und Pflicht eines jeden Hundehalters, dafür Sorge zu tragen, dass vom eigenen Hund keine Gefahr für die Öffentlichkeit ausgeht. Und damit meine ich wirklich JEDEN Hundehalter, auch die der angeblich harmlosen Exemplare. Es gibt in meinen Augen keine Rechtfertigung dafür, den Hund nicht in jeder Situation im Auge zu haben, schon gar kein „Der tut nix.“. Nur weil ein Hund aufgrund seiner Körpergröße oder dem Rassestandard als ungefährlich angesehen wird, möchte ich den trotzdem nicht an meinem Hosenbein oder zwischen den Speichen meines Fahrrads hängen haben!

Und selbst wenn ich es als Hundehalter partout für absolut unmöglich halte, dass mein Hund jemals ein anderes Lebewesen bedrängen oder gar gefährden könnte, so bleibt doch noch immer die Höflichkeit und Rücksichtnahme meiner Mitmenschen gegenüber, die mich dazu veranlassen sollte, den eigenen Hund bei Begegnungen mit eben solchen unter Kontrolle zu halten. Denn auch wenn nicht jeder gleich vor Schreck oder Ekel die Straßenseite wechselt, so wünschen doch einige Menschen keinen Kontakt mit meinem Hund. Und das ist ihr gutes Recht. Dem großen Tierfreund mögen solche Denkweisen befremdlich vorkommen. Aber nur weil ich meinen Hund abgöttisch liebe und nie etwas „Böses“ von ihm erwarten würde, heißt das nicht, dass jeder andere auch so denkt. Und ein Satz wie „Das hat er noch nie getan!“ helfen im Schadensfall leider auch niemandem weiter.

Zurück zu der Behauptung, Menschen, die im Umgang mit ihrem Hund auf gewaltfreie Methoden zurückgreifen, würden den Tierschutz über den Menschenschutz stellen. Ich sehe das ganz anders.

Für mich ist es elementar wichtig, dass mein Hund keine Angst vor Menschen hat oder irgendetwas Negatives mit ihnen verknüpft. Warum? Angst oder Unwohlsein erzeugt Stress und zuviel Stress führt irgendwann zu unerwünschtem Verhalten.

Wenn mein Hund also lernt, dass man mit Menschen nicht kommunizieren kann – oder teilweise nicht darf, weil Warnsignale wie Knurren oder Bellen unterdrückt werden – ist das nicht gerade förderlich dafür, dass er sich entspannt. Tatsächlich fördert das sogar die Gefahr, dass mein Hund irgendwann auf Angriff schaltet, wenn er sich zu sehr bedrängt fühlt.

Meine Aufgabe als Hundehalter besteht darin, meinen Hund verlässlich lesen zu können und ihn in seinen Emotionen ernst zu nehmen. Sollte er Probleme mit der Begegnung mit (fremden) Menschen haben, ist es natürlich wichtig, daran mit mit ihm zu arbeiten. Dafür muss ich zunächst herausfinden, wo genau das Problem liegt. Hat er Angst? Sieht er es als seine Aufgabe an, vor mir die Situation zu „checken“? Ist er territorial? Reagiert er auf manche Menschen anders als auf andere?

Natürlich ist das mühsam und in den Augen vieler Hundetrainer womöglich nebensächlich, denn das Allerwichtigste im Zusammenleben mit dem eigenen Vierbeiner ist schließlich, dass der Hund AUF KEINEN FALL Menschen angeht. Ein solches Verhalten gilt es also unbedingt zu unterbinden. Bei einem solch heiklen Thema wird nicht selten die Vorgehensweise „Der Zweck heiligt die Mittel“ angewandt: Lieber einmal zu heftig dem Hund klarmachen, dass sein Verhalten ein absolutes No-Go darstellt und unter KEINEN UMSTÄNDEN akzeptiert wird, als das Risiko eingehen, der Hund könnte den Ernst der Lage nicht verstanden haben.

Das Verheerende daran ist nur, dass mein Hund lernt, dass er ein bestimmtes Verhalten nicht zeigen darf. Das ändert aber leider überhaupt nichts daran, wie er solche Situationen erlebt. Für ihn sind Menschen womöglich nach wie vor komisch und womöglich wird er sich anders verhalten, wenn er einmal nicht unter dem direkten Einfluss seines Menschen steht.

Meiner Meinung nach ist es also wesentlich fahrlässiger, seinen Hund durch die Anwendung von Gewalt oder aversiven Methoden den Umgang mit Menschen beizubringen, als wenn man auf das tatsächliche „Verständnis“ seines Hundes setzt.

Es geht also um viel mehr als nur darum, dem Hund keine Gewalt anzutun. Auch ich als Mensch möchte mich in Gegenwart meines Hundes sicher fühlen. Ich möchte mir seines Vertrauens sicher sein und keine Angst haben müssen, dass es ihm irgendwann einmal reicht und er sich im Zuge aufschäumender Emotionen womöglich noch gegen mich selber wendet! Oder gegen andere! Es ist ja nunmal nicht von der Hand zu weisen, dass Hunde, die im Laufe ihres Lebens irgendwann einmal misshandelt worden sind, auf Menschen im Allgemeinen nicht sonderlich gut zu sprechen sind. Dem gilt es vorzubeugen.

Und selbst wenn die Wenigstens ihre Hunde offensichtlich und massiv misshandeln, so sollte ein gesundes und glückliches Zusammenleben doch stets ein Miteinander und kein Gegeneinander sein.

Gib deinem Hund die Zeit, die er braucht. Trainiere mi ihm Methoden und zeige ihm Verhaltensweisen, die ihm helfen, mit der für ihn stressigen Situation umzugehen. Das mag anstrengender und zeitlich langwieriger sein als eine „klare Ansage“, aber langfristig wird es ihm auf jeden Fall mehr und nachhaltiger helfen. Er wird im Reinen mit sich selbst sein.

Das kann ich dir versprechen!


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