Gewalt erzeugt Gegengewalt

Gewalt erzeugt Gegengewalt, hat man dir das nicht erklärt?…

Ein Song namens Schunder, Die Ärzte (1995)

Diese Passage aus dem Schunder-Song der Ärzte kam mir gestern spontan in den Kopf, da ich seit Tagen gedanklich mit einem bestimmten Post bei Facebook beschäftigt bin.
Hier geht es um eine „adäquate“ Erziehung von Hunden, die mit aversiven Methoden nur so gespickt sind. Viel trauriger machten mich sämtliche Kommentare anderer „Hunde-Halter“, wobei das Wort „Halt“ hier wie die Königin der Ironie wirkt.

Warum glauben die Menschen immer noch, dass Respekt und Orientierung durch angsteinflössende Drohungen, körperliche Angriffe und verbale Schläge herzustellen sind? Ist es das Gefühl der Macht, wenn der Hund verängstigt klein beigibt? Und was passiert, wenn der Hund vor lauter Unsicherheit und Angst auf Gegengewalt setzt, und zwar nicht, um seinen „Rang“ zu verdeutlichen, sondern vielmehr, um sich vor seinem unberechenbaren „Freund“ zu schützen?

Ich habe genau letzteres mit unserem Hund erlebt, da ich leider auf falsche Menschen gehört habe und mein schreiendes Herz außer Acht gelassen habe. Ich habe die extremen Unsicherheiten meines pubertierenden Hundes ausgeblendet, habe seine Maßregelungen als Antwort auf körperliche Begrenzungen meinerseits zunehmend bestraft. „Du musst aufhören ihn zu vermenschlichen und dich deutlich über ihn positionieren.“ Was ist das für eine Aussage? Mal ganz ehrlich.

Hier handelt es sich um einen Schutzbefohlenen, der von mir abhängig ist und bis zum Lebensende mein treuester Freund sein möchte. Er möchte gefallen, geleitet und gehalten werden. Und ja, er handelt auch manchmal gegen meinen Wunsch, weil er ein Individuum ist. Aber selbst das kann man angemessen vermitteln, indem man mimisch und verbal (ohne laut zu werden) sagt, dass man das jetzt echt daneben fand.

„Was veranlasst die Menschen sich selbst über andere soziale Lebewesen zu stellen?“ frage ich mich.

Jeder kennt das schlimme Gefühl unter jemandem zu stehen, nicht mehr man selbst zu sein und von Unsicherheit und Angst zerfressen zu werden. Ich erinnere mich immer an meine Französischlehrerin, die mit ihren riesigen, braunen Augen auf mich starrte, sodass ihre Zornesfalte tief in den Kopf einzudringen schien. Vorher war mir so etwas nie an Menschen aufgefallen.

Sie setzte mich so stark unter Druck, dass ich nichts mehr zu können schien. Ich konnte kaum denken, fühlte mich wertlos und übertrug diese Unsicherheit dann auch auf andere Bereiche. Diese Person und ihre „Lehrfähigkeit“ hat meine Persönlichkeit verändert, da ich immer Angst hatte und mich wehrlos fühlte.
Übrigens: nach einem Lehrerwechsel verbesserten sich meine Leistungen enorm und ich fing mich wieder. Aber das Gefühl von Ohnmacht und Angst werde ich wohl nicht vergessen.

Da ich wusste, dass Angst in Hemmung, Abwehr und Aggression umschlagen kann und ich dies im Verhalten meines Hundes erkannte, sobald ich auch nur lauter wurde oder an der Leine ruckte, suchte ich nach Alternativen. Dies war so schwierig, denn anscheinend finden es viele Menschen normal, ihrem Hund psychische und physische Gewalt anzutun.

Und dann fand ich mich in Mirjam Cordts Umgang mit ihren Hunden komplett wieder. In ihren Büchern umschreibt sie empathisch und mit viel Wissen, warum ein achtsamer Umgang unerlässlich ist. Sehr schön finde ich persönlich auch, dass sie viele Zitate nutzt, die den Menschen zum Nachdenken anregen.

Besonders berührt hat mich ein Auszug aus dem Lied „Haifisch“ von Rammstein:

Und der Haifisch, der hat Tränen
Und die laufen vom Gesicht
Doch der Haifisch lebt im Wasser
So die Tränen sieht man nicht
In der Tiefe ist es einsam
Und so manche Zähre fließt
Und so kommt es, dass das Wasser
In den Meeren salzig ist.

Haifisch, Rammstein (2010)

All die Liebe, ihre Erklärungen zu bestimmten originellen Verhaltensweisen, ihre Philosophie für einen gewaltfreien Umgang…

Ich begann zu reflektieren, zu analysieren, mich streng zu hinterfragen und die Beziehung zu meinem Hund neu zu stabilisieren.

Ich fing an mit LSR nach Cordt (Lenken des sozialen Referenzierens) zu arbeiten, baute achtsame Konsequenzen ein, umarmte meinen Hund in schwierigen Situationen (Bärenumarmung) und ging dazu über mit kongruentem Verhalten meinen Hund sensationell zu loben.

Die Bärenumarmung nach Mirjam Cordt

Wir sind aufgetaucht aus dem Meer von Genervtheit und gegenseitiger Ignoranz. Mein Hund ist kein Haifisch mehr mit Tränen. Und ich habe endlich nicht mehr die Rolle meiner Französischlehrerin.

Ich war immer ein sehr positiver und umsorgender Typ, aber nun bin ich noch größer und mein Hund ist riesig. Ich würde es gerne noch mehr übertreiben, um meine Emotionen zu verdeutlichen: Ich fühle mich umhüllt von so viel Liebe, dass diese Umhüllung wie ein Schutzschild wirkt. Tritt man von außen hinein, so umhüllt meine Liebe und mein positives Denken meinen Hund und jeden Anderen, der sich zu uns gesellt. Dann kann nichts mehr passieren, wir sind beschützt und nicht angreifbar. Und dann benötigen wir auch keine Gegengewalt mehr. Denn wir können es besser.

Wenn du mehr über Mirjam Cordt, ihre Bücher und Seminare erfahren möchtest, schau doch mal auf https://mirjamcordt.com vorbei.

Das könnte Dich auch interessieren …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.